Alltag - igapäevane elu
Inzwischen bin ich richtig in meinem neuen estnischen Alltag angekommen, finde ich, so dass ich davon einmal berichte:
Also, ein normaler Schultag (Montag bis Freitag) startet bei mir um viertel vor sieben - um diese Uhrzeit stehe ich normalerweise auf. Dann frühstücken meine Gastfamilie und ich gemeinsam, und um halb acht geht es los zur Schule. Meistens ist es noch dunkel, wenn wir das Haus verlassen, doch auf dem Weg zur Schule sehen wir dann die Sonne aufgehen. Im Moment ist der Sonnenaufgang um 7 Uhr 40 und der Sonnenuntergang um 16 Uhr.
Morgens fahren wir alle zusammen mit dem Auto in die Stadt, die etwa zwanzig Kilometer von unserem Zuhause entfernt ist. Dort arbeiten auch meine Gasteltern. Es ist sehr bequem, dass sie uns Kinder alle mitnehmen und bei der Schule absetzen können. Ich gehe in die gleiche Schule wie drei meiner Gastgeschwister, nur mein kleinster Gastbruder geht in den Kindergarten. Wir bringen ihn auf dem Weg zur Stadt in den Kindergarten im Nachbardorf. Um acht Uhr beginnt die Schule, meistens habe ich um zwei oder drei Uhr Schluss. Manchmal habe ich auch zwischendurch Freistunden. Mittagessen gibt es in der Schule.
Meine Lieblingsfächer sind Sport (kehaline kasvatus), Deutsch (saksa keel) und Englisch (inglise keel). Auch das Fach Geisteswissenschaften (inimeseopetuse) finde ich sehr interessant, aber eigentlich gefallen mir alle Fächer. Nur zum Russisch-Unterricht, auf estnisch natürlich, brauche ich nicht gehen, weil ich ja weder die Worte noch die Schrift verstehe.
Am Anfang konnte ich in vielen Fächern echt nichts machen, weil ich kaum etwas vom estnischen Unterricht verstanden habe. Teilweise wussten einige Lehrer noch nicht einmal, dass ich eine Austauschschülerin bin. Doch mittlerweile läuft es viel besser: Meine Mitschüler helfen mir, vom Unterrichtsstoff mehr zu verstehen, indem sie mir das Wichtigste auf englisch übersetzten. In einigen Fächern lernen wir in Kleingruppen oder arbeiten an Projekten, drehen zum Beispiel einen Film, bereiten eine Präsentation vor, zeichnen einen Comic oder gestalten ein Plakat. Bei solchen Aufgaben kann ich auch gut meinen Teil beitragen und wir haben oft auch viel Spaß dabei.
Einige Lehrer geben mir jetzt auch übersetzte Arbeitsblätter oder manchmal andere Aufgaben, die ich auf englisch oder deutsch bearbeiten kann. Es sind beispielsweise Texte zu Themen wie Architektur im alten Rom, Chemische Bindungen, Erziehungsstile oder Umweltfaktoren, die ich dann lesen kann. Oder ich kann mich am Computer informieren und mir Dinge selbst beibringen, etwa wie man Terme umformt. Meine Mathelehrerin hat sogar von ihrer Freundin aus Deutschland, einer Lehrerin, Aufgaben aus einem deutschen Mathebuch für mich bekommen, und in Biologie habe ich einmal einen Test geschrieben, der komplett auf deutsch war. Aber ansonsten schreibe ich eher weniger Tests und Arbeiten als meine Mitschülerinnen und Mitschüler. Noten bekomme ich auch nicht in allen Fächern - bis jetzt nur in Englisch, Literatur, Geografie, Geschichte, Physik, Biologie und Sport.
Genauso ist es mit den Hausaufgaben, viele Lehrer erwarten nicht von mir, dass ich alle Aufgaben vollständig erledige, doch natürlich gebe ich mein Bestes und tue so viel wie möglich. Ein kurzes Gedicht für den Estnisch-Unterricht kann ich auf estnisch schreiben, aber einen Aufsatz über gleichgeschlechtliche Ehen oder Literatur im antiken Griechenland, das mache ich dann doch lieber auf englisch.
Viermal die Woche habe ich nachmittags Hobbys. Montags und mittwochs gehe ich zum Tanzunterricht in eine Tanzschule, nicht weit von meiner Schule entfernt. In meiner Gruppe sind etwa zwanzig Mädchen und wir tanzen eine Art Showdance. Das macht ganz viel Spaß und ist ein guter Ausgleich zur Schule.
Doch Showdance ist nicht die einzige neue Tanzart, die ich hier in Estland neu ausprobiert habe: Seit einigen Wochen bin ich Teil einer Volkstanzgruppe, einer Schul-AG mit Jungs und Mädchen, die jede Woche dienstags in der Schule übt. Volkstanz ist typisch estnisch, hat schon lange Tradition und wird von jung und alt praktiziert. Öfters gibt es dann Volkstanzfestivals oder Aufführungen, wo die Gruppen auftreten. Dabei werden dann bunte traditionelle Trachten getragen, doch bei unserem Training tragen wir ganz normale Sportsachen, wobei aber alle Mädchen dazu noch Röcke tragen sollen.
Auch Volkstanz macht mir sehr viel Spaß, und es ist interessant, etwas Neues auszuprobieren, was in Deutschland nicht so verbreitet ist. Außerdem ist Volkstanz auch richtiger Sport, nicht nur körperlich anstrengend, sondern auch recht anspruchsvoll für die kleinen grauen Zellen im Hirn.
Beim Tanzen habe ich eigentlich kaum Schwierigkeiten mit der Sprache, weil meist nur wenige Worte nötig sind, um zu erklären, was zu tun ist. Meist bekomme ich alles mit, da meine Tanzlehrerinnen die Bewegungen und Schritte auch immer prima vormachen.
Ein Hobby, welches ich aus Deutschland beibehalten habe, ist die Pfadfinderei. Jeden Donnerstag nehme ich an einer Gruppenstunde teil. Die Treffen finden in einer Schule statt. Wir sind etwa zehn Leute, alle (bis auf die Leitung) sind etwas jünger als ich. Wir spielen Spiele, singen, basteln, lernen Knoten und machen noch vieles mehr. Es ist immer lustig!
Auch hierbei ist es sehr interessant zu sehen, wie sich die Pfadfinderei in Estland und Deutschland unterscheidet. Es ist auch toll, dass die Pfadfinder so interessiert an allem Möglichen sind, mir oft Fragen stellen und wir uns viel erzählen. Sie wollen auch Pfadfinderspiele aus Deutschland kennen lernen und dafür sogar deutsche Liedtexte lernen!
Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich vielleicht nicht unbedingt das Lied „Oh Johnny, komm, wir essen eine Leiche…“ als Erstes vorgestellt, sondern „Ach, wenn es doch wieder mal Montag wär, und ich bei meiner Laurentia wär, am Montag… “, um die Wochentage auf deutsch beizubringen und nebenbei lustiges Kniebeuge-Training zu absolvieren.

Je nachdem, welches Hobby ich habe, endet mein Tag unterschiedlich spät. Manchmal nehme ich den Bus nach Hause, manchmal den Zug, und manchmal nehmen mich meine Gasteltern mit. Meistens komme ich dann zwischen 17 und 19 Uhr, wenn es schon wieder dunkel ist, zu Hause an, montags sogar noch später, freitags deutlich früher.
Zuhause gibt es warmes Abendessen, und dann ist noch Zeit für Schulsachen oder um etwas mit der Familie zu machen. Am liebsten spielen meine Gastgeschwister mit mir Brettspiele und manchmal basteln wir auch. Mein kleinster Gastbruder ist auch sehr interessiert an meiner Kamera, da kommt es schon mal zu der ein oder anderen Foto-Session, dabei ist sein Lieblingsaccessoire meine Sonnenbrille.
Nach der Gute-Nacht-Geschichte für meine kleinen Gastgeschwister bin ich meist auch schon etwas müde, höre Musik, male oder schreibe Blogtexte.
Es ist schön, dass das Wochenende freitags nachmittags beginnt und ich dann noch zwei Tage frei habe, um wieder ganz andere Sachen zu machen und mehr mit meiner Familie zu unternehmen.