Weihnachten, die Feiertage und Silvester - Jõulud, pühad ja aastavahetus
Nun ist es endlich so weit: Die Feiertage stehen vor der Tür - Jõulud on ukse ees!
Wie schon einmal geschrieben, Weihnachtszeit ist Familienzeit, und da meine große Gastfamilie auch noch viele nahe stehenden Verwandte hat, feiern wir mehrfach und ausgiebig.
An Heilig Abend machen wir uns vormittags auf den Weg zur Oma meiner Gastmutter, die nicht weit entfernt wohnt. Dort verbringen wir einige Stunden, reden, spielen, bereiten Essen vor, später gibt es bei ihr klassisches estnisches Weihnachtsessen: Kartoffeln, Sauerkraut, Blutwurst, Schweinefleisch und rote Beete.
Nach dem leckeren Kuchen und dem Wackelpudding zum Nachtisch ist es auch schon Zeit für die erste Bescherung. In Estland ist es Tradition, dass jeder etwas vorträgt oder auf einem Instrument etwas vorspielt, bevor man sein Geschenk bekommt. Also wird gesungen, Klavier, Akkordeon und Saxophon gespielt und es werden Gedichte vorgetragen.
Danach machen wir uns auf den Weg zum Friedhof, denn so wie viele anderen Esten auch besuchen wir an Heilig Abend verstorbene Verwandte, schmücken die Gräber mit Kerzen und denken an sie.

Anschließend machen wir alle zusammen einen Spaziergang durch die Stadt. Es wird schon langsam dunkel. An vielen Häusern und Bäumen leuchten Lichterketten, und in vielen Fenstern sind Kerzen und Weihnachtsschmuck zu sehen.
Dann gehen wir weiter zur Kirche, um den Gottesdienst zu besuchen. Auch die Kirche ist feierlich geschmückt, mit vielen Lichterketten und natürlich einem schönen, großen Tannenbaum. Mich überrascht es, dass der Weihnachtsgottesdienst stattfindet, doch glücklicherweise können wir mit den üblichen Corona-Vorsichtsmaßnahmen (Maske tragen, Abstand halten, Hände desinfizieren usw.) den tollen Gottesdienst genießen.
Eine Band sorgt mit Weihnachtsliedern und Musik für eine angenehm entspannte, aber feierliche Stimmung. Es werden Reden und Predigten gehalten sowie Gebete gesprochen, die ich zwar nicht ganz verstehe, aber auf mich wirken lasse. Der Gottesdienst wird in einem Live-Stream übertragen, so dass viele Menschen an der Veranstaltung „virtuell“ teilhaben können. Es war nicht wirklich voll, soweit ich weiß gab es keine Eintritts-Beschränkung oder gebuchte Plätze, aber es durfte nicht gesungen werden.

Um fünf Uhr endet der Gottesdienst, wir machen uns nach einem Abstecher zu einem weiteren Friedhof auf den Heimweg.
Zuhause angekommen ist die Aufregung natürlich groß: Was für ein Glück, dass der jõuluvana (Weihnachtsmann) tatsächlich schon da gewesen ist! Er hat wirklich für den ein oder anderen ein Geschenk unter dem schön geschmückten Weihnachtsbaum hinterlassen, na sowas!

Bei aller Vorfreude müssen wir trotzdem noch geduldig sein, denn erst einmal gibt es Abendessen am feierlich gedeckten Tisch mit den Eltern und der Schwester meiner Gastmutter.
Dann ist es endlich so weit: Zeit für die Bescherung!
Nacheinander können alle ihre Geschenke auspacken, meine Gastgeschwister freuen sich über 3D Puzzles und Bücher, ich mich über kuschelige Estland-Wollsocken und einen winterlichen Strickpulli. Wir lesen alle Briefe und Karten, fangen später schon an ein Auto und eine Weltkugel zu puzzlen und schmökern ein paar Seiten im neuen Vorlesebuch. Der Abend verläuft nach der anfänglichen Aufregung sehr gemütlich, und später entspannen wir noch in der Sauna.
In der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember schneit es nochmal richtig viel, und der Schnee bleibt, da kein Wind weht, auch auf den Ästen der Bäume liegen. Das sieht sehr malerisch aus!

Deswegen machen wir nach dem Mittagessen einen schönen Spaziergang durch den verschneiten Winterwald zum Nachbardorf, in dem meine Gasturgroßeltern wohnen. Wir bringen ihnen ein Weihnachtsgeschenk und trinken zusammen warmen Glögi (Punsch), dann geht es auch schon wieder nach Hause.
Es wird nämlich schon langsam wieder dunkel, und außerdem wartet zu Hause doch eine Überraschung: Der Weihnachtsmann ist zum zweiten Mal da gewesen! Auch diesmal sind alle aufgeregt und sehr erfreut. Wir packen mit Begeisterung ein Geschenk nach dem anderen aus.
Jetzt kann ich auch das Päckchen von meiner Familie aus Ahrensburg öffnen, in dem viele Überraschungen für uns alle stecken. Meine Gastfamilie probiert auch die typisch deutschen Leckereien wie Zimtsterne oder Lübecker Marzipan und freut sich über das Eckolo-Spiel, das gleich gespielt wurde und auch jetzt noch das Lieblingsspiel meiner Gastgeschwister ist.
Weil es ja so schön geschneit hatte, müssen wir das natürlich ausnutzen, indem wir in die Sauna gehen und uns danach zur angenehmen, leichten Erfrischung im eiskalten Schnee wälzen. Hui, das kribbelt!
Am 26. Dezember sind wir zu Besuch bei den Eltern meines Gastvaters, die ja auch gleichzeitig unsere Nachbarn sind. Dort versammeln sich alle Familienmitglieder und es gibt ganz viel Essen. Und wieder Geschenke - doch diesmal mit der Besonderheit, dass der Weihnachtsmann sie persönlich vorbei bringt! Also trägt ihm jeder, der ein Geschenk bekommen möchte, ein Gedicht vor oder spielt etwas auf seinem Instrument.
Eigentlich gibt es in Estland so wie in Deutschland nur einmal an Weihnachten Geschenke. Doch bei so viel feierfreudiger Familie haben wir dieses Jahr dreimal das Glück der weihnachtlichen Bescherung: einmal mit der Familie mütterlicherseits, einmal nur wir als Familie und einmal mit der ganzen Familie väterlicherseits.
Am Abend haben wir wieder die Möglichkeit, in die Sauna zu gehen und zwischendurch ein- oder zweimal in den Schnee zu hüpfen. Das hält auf jeden Fall fit!
Die Tage bis Silvester gehen wir ganz entspannt an, wir spielen und puzzeln zusammen, probieren die Geschenke aus, sind aber auch viel draußen, denn es schneit und schneit und schneit ohne Ende! Also fahren wir Schlitten beim Hügel neben dem Haus, bauen Schneemänner, gehen spazieren und fahren sogar Ski. Das ist für mich auch etwas Neues, und gar nicht so einfach wie es bei meinen Gastgeschwistern aussieht, aber es macht sehr viel Spaß. Es ist wunderschön fast lautlos durch den weißen Wald zu gleiten, mal von einer Anhöhe runter zu rutschen und dann wieder rauf zu kraxeln. Was ein Glück dass der Schnee vermutlich die nächsten Monate noch liegen bleibt, dann freue ich mich schon öfters Ski zu fahren, denn jeder weiß ja: Übung macht den Meister!

An Silvester besuchen wir meine Gastgroßeltern in Rakvere, der Stadt in unserer Nähe, und verbringen zusammen den Tag. Wir essen wieder oft und viel und spielen verschiedene Spiele, mein Gastopa versucht mir jetzt das Schachspielen beizubringen. Am Abend sind wir wieder zu Hause. Zusammen machen wir Pizza selber, schauen einen Film, gehen in die Sauna und spielen Spiele. Kurz vor Mitternacht fahren wir wieder nach Rakvere, um um Mitternacht das Feuerwerk zu sehen. Dann hieß es „head uut aastat“ (Frohes neues Jahr) und am Himmel leuchten, knallen und glitzern die Raketen.
Jetzt beginnt das Jahr 2021!
