Es weihnachtet - Jõulud on õhus
Die Tage werden kürzer und dunkler, aber es ist schön, dass überall weihnachtlicher Lichterschmuck leuchtet: in den Häusern, Gärten und Einkaufsstraßen. Auch meine Familie hat Ende November am Haus viele Lichterketten aufgehängt, und wir haben in vielen Fenstern Lichterschmuck, zum Beispiel diese hübschen Lichtertreppen mit sieben Kerzen. In der Küche riecht es nach frisch gebackenen Keksen und Mandarinen, mmmh!
Die Advents- und Weihnachtszeit – die Zeit im Jahr, in der die Temperaturen auch schon mal in den Minusbereich wandern. Wir hatten schon einige Male leichten Schneefall und es reichte auch für unsere ersten Schneeballschlachten und Schneemänner.

Trotz solcher Wintervergnügen ist es klar, dass wir es uns auch drinnen gemütlich machen.
Es ist echt interessant, die Adventszeit einmal nicht zu Hause zu verbringen, sondern in einem anderen Land, mit einer anderen Familie und mit anderen Traditionen.
Weihnachten an sich unterscheidet sich in der Art und Weise, wie es gefeiert wird, wohl nicht stark von Weihnachten in Deutschland, dennoch habe ich schon ein paar andere Traditionen in der Adventszeit kennen gelernt. Zum Beispiel gibt es in Estland keinen Nikolaus, der am sechsten Dezember die geputzten Schuhe mit Süßigkeiten, Nüssen und Mandarinen befüllt. Dafür sind hier allerhand andere weihnachtliche Wesen unterwegs. Ab dem ersten Dezember bis zum Heiligabend kommen jeden Tag kleine Gnome oder Elfe (auf estnisch Päkapikk), Helfer von dem Weihnachtsmann (jõuluvana), die den braven Kindern in der Nacht kleine Süßigkeiten bringen und in die Stiefelchen stecken. Bei mir kommen sie auch.

In der Schule kommt der Nikolaus schon vor, im Deutsch-Unterricht, und ich durfte für ein paar Klassen den Nikolaus spielen! Meine Deutschlehrerinnen sind davon ganz begeistert gewesen, und die Schüler freuen sich natürlich über die kleinen Süßigkeiten und singen dafür auch ordentlich bei deutschen Nikolausliedern mit. Das ist immer lustig, weil die Lehrerinnen supernett sind und auch die Kinder immer interessiert sind und ganz viele Fragen stellen.
Adventskalender haben die Kinder hier auch, wie in Deutschland. Einige Familien zünden jeden Adventssonntag eine Kerze mehr an, doch nur wenige Familien haben einen Adventskranz, wie ich ihn aus Deutschland kenne.
Weihnachtsmärkte gibt es auch hier - besonders bekannt und beliebt ist der Weihnachtsmarkt in der Altstadt von Tallinn. Er ist geradezu berühmt: Letztes Jahr wurde er sogar zum beliebtesten Weihnachtsmarkt Europas gekürt! Dieses Jahr kann der Markt coronabedingt leider nicht so stattfinden wie in den vergangenen Jahren, doch einige Buden mit Glögi (Punsch/ Glühwein), Piparkoogid (Lebkuchen), traditioneller Blutwurst, Sauerkraut und anderem Selbstgemachtem stehen trotzdem auf dem Rathausplatz. Statt eines echten Weihnachtsmannes gibt es diesmal einen in Hologrammform. Doch der Weihnachtsbaum, der wichtigste Tannenbaum Estlands, steht dort wie jedes Jahr.

Der Legende nach wurde 1441 der erste Weihnachtsbaum nach Tallinn gebracht und auf dem Rathausplatz aufgestellt. Die Esten streiten sich mit den Letten darüber, wer den Weihnachtsbaum „erfunden“ haben soll, die einen sagen, der erste Weihnachtsbaum stand in Tallinn, andere behaupten, er stand zuerst in Lettlands Hauptstadt Riga. Welche Behauptung nun der Wahrheit entspricht, weiß man bis heute nicht, aber klar ist, dass das Aufstellen des Weihnachtsbaums in Tallinn eine lange Tradition hat und jedes Jahr ein großes Ereignis ist.
Die Adventszeit ist für die Esten eine sehr besondere Zeit im Jahr. Für sie ist nicht nur die weihnachtliche Stimmung und feierliche Atmosphäre wichtig, sondern auch die gemeinsame Zeit mit der Familie. Besonders jetzt unternimmt meine Gastfamilie viel den Kindern und mir: Wir backen zusammen Kekse, gucken Weihnachtsfilme, basteln, zum Beispiel Fenstersterne, holen einen Weihnachtsbaum aus dem Wald und schmücken ihn gemeinsam. Neulich sind wir das erste Mal in diesem Winter auf dem zugefrorenem See neben dem Haus Schlittschuh gefahren, was ganz viel Spaß gemacht hat!

Letztes Wochenende waren wir zu siebt in Rakvere, um etwas durch die schön geschmückte Stadt zu spazieren. Dann haben wir uns noch eine unglaublich tolle Lichtershow zu schöner, weihnachtlicher Musik angeschaut. Das fand ich sehr, sehr stimmungsvoll.

An einem Wochenende zuvor habe ich einen Ausflug nach Tallinn unternommen und vier YFU-Austauschschüler besucht. Wir sind erst durch die wunderschön geschmückte Altstadt mit ihren vielen Lichtern, Tannenbäumen und dem süßen Weihnachtsmarkt geschlendert, haben später zusammen Kekse gebacken und haben noch zusammen gewichtelt, wobei ich sehr schöne blaue Wollhandschuhe bekommen habe. Später traf ich dann auf meine Gastfamilie, die auch in Tallinn war. Zusammen sind wir zum “Skywheel of Tallinn” gefahren, einem großen Riesenrad, das auf dem Dach eines Einkaufszentrum steht. Dort gibt es sogar eine Sauna-Gondel, verrückt oder?! Wir sind alle zusammen drei Runden gefahren und die Aussicht war so wunderschön! Es war schon dunkel, und man konnte die Lichter von ganz Tallinn sehen und auch bis zum Meer gucken, das war echt klasse!

Vergangenen Freitag war der letzte richtige Schultag, jetzt haben alle SchülerInnen Home-Schooling (Corona-Eindämmung). Es finden auch keine Hobbys wie Tanzen oder Pfadfinder mehr statt, über die Ferien und mindestens für die nächsten vier Wochen. Mit meiner Schulklasse war ich am Abschlusstag wandern, im Sumpf! Dafür bekamen wir so lustige Schuhe, Schneeschuhe, um nicht so tief einzusinken, wir sahen sehr lustig aus und hatten auch viel Spaß. Wir haben noch ein Feuer gemacht und Marshmallows gegrillt. Zurück in der Schule haben wir schonmal ein bißchen Vorweihnachten gefeiert. Es gab leckeres Essen, jemand hatte den Weihnachtsmann gespielt und alle mussten etwas vortragen. Dann haben wir Schokolade bekommen und am Ende haben wir alle zusammen eine Art Tango getanzt, den wir beim Volkstanz gelernt haben. Ein richtig schöner Schul-Schlusspunkt.

Die Adventsszeit hier zu erleben ist wirklich etwas ganz Besonderes und ich genieße es sehr. Dazu freue mich schon sehr auf Weihnachten und bin gespannt, wie die Festtage hier ablaufen. Coronabedingt werden wir uns wohl nicht in einen Gottesdienst quetschen. Mit meiner Gastmutter hatte ich mal einen Gottesdienst besucht, der übrigens ganz anders und viel lebhafter als in Deutschland gestaltet war. Der geplante Verwandtenbesuch aus dem Ausland wird auch nicht kommen, aber eine besonders “Stille Nacht” wird es wahrscheinlich nicht werden… Apropos Nacht, vielleicht habe ich demnächst die Gelegenheit, ein Nordlicht am Himmel zu sehen - das wäre ein Glück! Mein Gastvater hat neulich schon eines beobachtet.